Wenn Achtsamkeit oder Meditation nicht mehr weiterhelfen

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Sie haben für sich eine passende Praxis, einen Weg gefunden. Vielleicht praktizieren Sie schon seit Jahren. Meditation, Achtsamkeit, ein kontemplativer Weg, etwas, das Sie von Anfang an in Ihren Bann gezogen hat. Sie kennen die Erfahrung, dass sich etwas weitet, dass Abstand entsteht, dass nicht jeder Gedanke sofort zur Wirklichkeit wird. Die Praxis hat funktioniert, und ein Teil von Ihnen weiß bis heute, dass sie trägt.

Daneben gibt es eine andere Erfahrung. In der Stille kommt immer wieder dasselbe hoch: dasselbe Gefühl, dasselbe Muster, dieselbe Stelle, an der es eng wird. Sie wenden an, was Sie gelernt haben – hinschauen, nicht festhalten, zulassen, weiteratmen. Es geht vorbei. Beim nächsten Mal ist es unverändert wieder da. Oder es wird subtiler: Sie bemerken, dass Sie über Ihr Beobachten urteilen, nehmen sich vor, nicht zu urteilen, und merken, dass auch dieses Vornehmen ein Urteil ist. Die Praxis, die Freiheit geben soll, dreht sich an dieser Stelle im Kreis.

Dazu kommen leise Selbstzweifel: liegt es mir? Übe ich nicht gründlich genug? Nicht lange genug, nicht richtig? Andere sind viel weiter als ich! Auch diese Zweifel sind, wie sich zeigen wird, schon Teil dessen, was hier geschieht.

Die kurze Antwort

Achtsamkeit und Meditation hören an bestimmten Punkten nicht auf zu wirken, weil etwas mit Ihrer Praxis nicht stimmt, sondern weil diese Praxis ihrer Form nach allein gelassen ist. Sie ist darauf angelegt, die Struktur Ihres Denkens zu verstehen. Was sie nicht leisten kann, ist das dialogische Eingreifen an genau dem Punkt, an dem Sie etwas sehen, aber nicht hindurchkommen, weil seine Struktur paradox erscheint und das eigene Hinschauen sich in ihr verfängt.

Die kontemplativen Traditionen hatten für diesen Moment eine Antwort: ein Gegenüber, das nichts hinzufügt, sondern die letzten Konzepte wegnimmt – in einigen Traditionen wird es Entlehren genannt. Wo das eigene Hinschauen sich verfängt, setzt dieses Gegenüber einen Impuls: eine Frage, eine Paradoxie, manchmal ein Schweigen. Es lenkt den Blick nicht auf etwas Neues, sondern auf die Stelle, an der der Verstand sich abzusichern versucht, und lässt sehen, was ohne diese Absicherung längst da ist.

Warum Meditation allein an dieser Stelle nicht weiterhilft

Um zu verstehen, warum die solitäre Praxis hier an eine Grenze stoßen kann, muss man sehen, womit man eigentlich übt. Der Verstand – die ordnende, einordnende, bewertende Instanz – ist der Teil von uns, mit dem wir fast alles im Leben erreichen. Haben wir ein Problem, löst der denkende Verstand es. Er ist außerordentlich verlässlich. Und genau deshalb greifen wir auch hier zu ihm: Wir wollen an unserer eigenen Identifikation vorbei, hinter das, was uns festlegt und wir versuchen es mit demselben Mechanismus, in dem das Festlegen geschieht.

Das ist die Grenze, und sie liegt nicht in einem Mangel der Praxis, sondern in der Struktur der Sache selbst: Eine Struktur, die implizit wirkt, lässt sich nicht durch genau den Mechanismus aufheben, den sie selbst hervorbringt. Solange das Ego, das sich positionieren und besser werden will, derjenige ist, der „loslassen“ möchte, ist das Loslassen-Wollen selbst eine seiner Bewegungen.

Stellen Sie sich ein Gleichnis vor. Sie hören von einem Ort, an dem das Suchen endet. Um den Weg dorthin zu finden, müssen Sie alles ablegen, was Sie ausmacht. Erst die Titel, Sie dürfen nicht mehr die Person mit dieser Leistung, jenem Rang sein. Dann der Besitz, nicht mehr die Person mit dem Haus in der und der Gegend. Dann die Kleidung, denn jede Kleidung macht Sie zu jemandem; selbst das schlichte Gewand macht Sie zu dem, der zur Gemeinschaft der schlicht Gewandeten gehört. Schließlich, vor dem Tor angekommen, müssen Sie auch Ihren Namen ablegen. Und hier zeigt sich das Paradox: Hätten Sie das alles wirklich getan, aus dem brennenden Willen, ein Niemand zu werden. Dann wären Sie jemand sehr Großes geworden. Sie wären der, der alles aufgab. Über den geredet wird. Sie hätten exakt das Gegenteil dessen erreicht, was Sie wollten.

Dieses Gleichnis ist keine spirituelle Erbauung. Es ist die genaue Beschreibung einer strukturellen Sackgasse: Jeder willentliche Versuch, an der eigenen Position vorbeizukommen, ist selbst ein Positionieren. Der Weg verläuft diametral zu allem, was wir in unserem Denken je errichtet haben. Allein, mit dem eigenen Verstand, ist diese Stelle kaum zu durchschauen, weil man zu nah an ihr ist und das Werkzeug, mit dem man schaut, genau das ist, was untersucht werden müsste.

Die Schleife: wenn „urteilsfreiheit“ zum Soll wird

Es gibt eine besondere Form, in der diese Sackgasse in der Praxis auftritt. Sie haben gelernt, nicht zu werten – zu beobachten, ohne zu beurteilen, was Sie beobachten. Das ist eine wertvolle Bewegung. Aber sobald „nicht-werten“ zu einem Ideal wird, an dem Sie sich messen, ist etwas Entscheidendes passiert: Das Bewerten richtet sich nicht mehr nur auf Inhalte, sondern auf das Bewerten selbst.

Beobachten Sie die Bewegung: Sie merken, dass Sie geurteilt haben. Sie nehmen sich vor, das nicht zu tun. Dieses Vornehmen ist ein neues Soll. Jedes Soll erzeugt einen Vergleich zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte. Jeder Vergleich ist eine Bewertung. Und so bewerten Sie nun, dass Sie bewertet haben, und nehmen sich vor, das nicht zu tun, und bemerken, dass auch das wieder ein Bewerten ist. Die Schleife schließt sich und hält sich gerade durch die Anstrengung am Leben, sie zu beenden.

Es ist das alte Bild der Schlange (Ouroboros), die sich in den eigenen Schwanz beißt: ein Vorgang, der sich auf sich selbst anwendet und sich dadurch schließt. Der entscheidende Punkt ist, dass diese Eskalation keine Frage der Aufmerksamkeit ist. Es ist eine Verschiebung in der Ordnung der inneren Vorgänge selbst: Das Bewerten hat einen so zentralen Rang bekommen, dass es nicht mehr eine Tätigkeit unter anderen ist, sondern mit dem eigenen Selbstgefühl gekoppelt. Deshalb hilft es oft nicht, das Beobachten zu verfeinern. Die Stelle, an der es hakt, ist nicht zu wenig beobachtet, sie ist falsch verortet.

Abbildung 1: Die Schlange (Ouroboros). Die zirkuläre Schleife verdeutlicht die Kernthese des Radikalen Konstruktivismus, nach der kognitive Systeme ihre Beschreibungen selbstreferentiell und rekursiv erzeugen. (Bildquelle: Unbekannter mittelalterlicher Buchmaler / Kopie von Theodoros Pelecanos (1478), Codex Parisinus graecus 2327. Gemeinfrei (Public Domain) via Wikimedia Commons).

Was die Traditionen kannten

Die kontemplativen Traditionen wussten um genau diesen Punkt. Sie hatten dafür keine bessere Technik, sondern eine spezifische Form: das Gespräch mit einem Gegenüber.

In der Advaita gibt es eine Methode die sich „neti neti“ (nicht dies, nicht das) nennt. Ein Gegenüber geht mit Ihnen Ihre Identifikationen durch, Ihre Rolle, Ihre Gedanken, Ihre Gefühle und bei jeder zeigt sich: das sind Sie auch nicht. Nicht als Lehrsatz, sondern als geführte Bewegung, bis nichts Festhaltbares mehr übrig ist. Im Zen geschah etwas Verwandtes über die Paradoxie, eine Frage, die sich der Logik entzieht („wie klingt das Klatschen einer einzigen Hand“), nicht damit Sie sie lösen, sondern damit die gewohnte Logik an einer Stelle nicht mehr greift.

Was dieses Gegenüber tat, war kein Lehren im üblichen Sinn, eher dessen Gegenteil. Es fügte kein Wissen hinzu. Es nahm die Konzepte weg, an denen sich das Suchen festhielt. Und es wirkte zu einem guten Teil dadurch, ein klarer Spiegel zu sein: Wer ihm gegenübersaß, projizierte seine Erwartungen, seine Ängste, seine spirituellen Vorstellungen und bekam sie unverzerrt zurück. In dieser Klarheit wurde die eigene Unruhe sichtbar, ohne dass das Gegenüber viel hätte tun müssen.

Ein Beispiel für die Genauigkeit, mit der diese Traditionen die Sackgasse kannten: In der Advaita heißt es, wer sagt „ich bin erleuchtet“, rede Unsinn – nicht, weil es das Gemeinte nicht gäbe, sondern weil das Festhalten an einem Zustand bereits sein Gegenteil erzeugt. Sobald man etwas ist, ist man verfolgt von seinem Gegensatz. Denn jede Identität erzeugt Ausschluss, jeder Ausschluss erzeugt Spannung und jede Spannung erzeugt Angst vor dem identitären Gegenteil. Das ist exakt dieselbe Struktur wie im Gleichnis vom Ort, an dem das Suchen endet und exakt dieselbe wie in der Schleife des „nicht-werten-Wollens“. Die Traditionen kannten zwei Richtungen, mit ihr umzugehen: die verneinende – nicht dies, nicht das – und die bejahende – die Gegensätze nicht auflösend, sondern einschließend.

Diese dialogische Form ist im modernen Praxiskontext weitgehend verschwunden. Die meisten Menschen praktizieren heute allein, mit einer App, einem Buch, einem Kurs, in der eigenen Stille. Das ist nicht schlechter, und für vieles ist es genug. Aber an genau der Stelle, an der das eigene Hinschauen sich verfängt, fehlt das, wofür es die dialogische Form gab.

Wie die philosophische Bewusstseinsanalyse hier ansetzt

An dieser Stelle setzt meine Arbeit an – säkular, ohne eine dieser Traditionen zu beanspruchen, aber an der Funktion anknüpfend, die das dialogische Gegenüber dort hatte. In der philosophischen Bewusstseinsanalyse untersuchen wir die Stelle, an der Ihre Praxis sich verfängt, gemeinsam und fragend. Wo es die Sache verlangt, arbeite ich mit Paradoxien, wie sie auch im Zen vorkommen – nicht, um Sie zu verunsichern, sondern weil sich an einem Punkt, an dem die gewohnte Logik nicht mehr greift, etwas zeigen kann, das vorher von genau dieser Logik verdeckt war. Ich arbeite ausschließlich fragend; jede Aussage von außen würde eine neue Norm einführen, also genau die Bewegung, um die es geht.

Das ist nur unter einer Bedingung möglich: Vertrauen. Diese Untersuchung führt, wenn sie greift, bis dorthin, wo die Absicherung sitzt. Dass von mir kein Urteil ausgeht, ist dabei keine Beteuerung, sondern eine Notwendigkeit, die Sie im Gespräch tatsächlich spüren müssen. Ich gehe mit Ihnen nur so weit, wie Sie es zulassen. Setzt eine innere Abwehr ein, ist das kein Scheitern, sondern Teil des Prozesses; dann braucht es Zeit, eine konkrete Beobachtung für die Zwischenzeit, und die nächste Sitzung erst, wenn Sie sich bereit fühlen.

Diese Arbeit ist kein Ersatz für Ihre Praxis und kein konkurrierender Weg. Sie ist das dialogische Element, das die solitäre Praxis ihrer Form nach nicht leisten kann und das genau dort hilfreich wird, wo Sie allein nicht weiterkommen. Wie sie insgesamt abläuft, beschreibe ich auf der Seite: Was philosophische Bewusstseinsanalyse ist.

Eine wichtige Einordnung

Dieser Text richtet sich an Menschen die eine kontemplativen Praxis verfolgen und an einem strukturellen Punkt nicht weiterkommen. Philosophische Bewusstseinsanalyse ist selbst kein spiritueller Weg, keine Meditationsanleitung und keine Lehre. Sie verwendet Bezüge aus kontemplativen Traditionen, um eine Struktur zu beschreiben, nicht um eine Erfahrung zu versprechen. Sie ist auch keine Psychotherapie. Wenn in der Stille schwere Belastungen aufkommen (anhaltende Niedergeschlagenheit, Angst, destabilisierende Zustände), ist therapeutische oder ärztliche Unterstützung vorrangig. Eine philosophische Begleitung kann, wo es passt, neben einer bestehenden Praxis oder einer Therapie stehen.

Der nächste Schritt

Wenn Sie eine Form kontemplativer Praxis verfolgen und an einer Stelle stehen, an der das eigene Hinschauen sich verfängt, dann könnte eine dialogische, strukturelle Untersuchung der richtige nächste Schritt sein. In einem kostenlosen Erstgespräch klären wir, ob mein Vorgehen zu Ihrem Anliegen passt. Es verpflichtet zu nichts.

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